Am Mittwoch, den 16. September 2026, fand in der Akademie des Sports in Hannover das 18. Niedersächsische Gerontopsychiatrische Symposium statt. Unter dem Titel „Wenn Helfen an die Grenze geht: Mentale Gesundheit in der gerontopsychiatrischen Versorgung“ rückte in diesem Jahr eine Gruppe in den Mittelpunkt, die sonst selten selbst im Fokus steht: die Menschen, die pflegen, begleiten und beraten. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung gemeinsam vom Caritas Forum Demenz und dem ambet Kompetenzzentrum Gerontopsychiatrische Beratung, gefördert durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung und finanziell unterstützt durch den Landesfachbeirat Psychiatrie Niedersachsen.
Moderation: Sabine Ehlers
Durch den Tag führte Sabine Ehlers, Moderatorin und Coachin. Mit großer Präsenz, Selbstbewusstsein und einem guten Gespür für Tempo und Zwischentöne verband sie die Beiträge zu einem roten Faden – und sorgte dafür, dass auch die schweren Themen des Vormittags tragfähig blieben.
Grußwort: Ansgar Piel
Ansgar Piel, Referent im Psychiatriereferat im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, eröffnete die Grußworte und ordnete das Tagungsthema in die psychiatriepolitischen Entwicklungen des Landes ein.
Grußwort: Prof. Dr. Detlef Dietrich
Für den Landesfachbeirat Psychiatrie Niedersachsen sprach Prof. Dr. Detlef Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikums Hildesheim. Rhetorisch pointiert griff er das Bild aus dem Flugzeug auf: Bei Druckabfall setzt man zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske auf – nicht aus Egoismus, sondern weil nur so überhaupt jemandem geholfen werden kann.
Begrüßung: Melissa Braun und Karoline Adamski
Für die Gerontopsychiatrischen Kompetenzzentren und die Landesfachstellen Demenz in Niedersachsen begrüßte Melissa Braun, Leitung ambet Kompetenzzentrum Gerontopsychiatrische Beratung, die Gäste. Sie führte in das diesjährige Schwerpunktthema ein und machte deutlich, warum die Wahl darauf gefallen war: Wer täglich Menschen mit Demenz, Altersdepression oder Psychosen im Alter begleitet, hält viel aus – oft, ohne dass jemand danach fragt, was das mit den Helfenden selbst macht. Ihr Blick galt zugleich der Zusammenarbeit im Land: Das dichte Netz aus Kompetenzzentren, Landesfachstellen, Beratungsstellen, Selbsthilfe und Angehörigen trägt die gerontopsychiatrische Versorgung in Niedersachsen – und lebt davon, dass die Beteiligten miteinander im Gespräch bleiben. Genau dafür bietet das Symposium seit vielen Jahren den Rahmen. Ein herzlicher Dank ging an das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, an den Landesfachbeirat Psychiatrie und an alle Referentinnen und Referenten des Tages.
Karoline Adamski, Leitung Caritas Forum Demenz, eröffnete den Tag im Anschluss mit ihrem eigenen Gedicht „In meinem Garten“. Es lässt jene inneren Stimmen sprechen, die viele im Saal gut kennen: sei perfekt, halte alle Fäden in der Hand, mach es allen recht, sag niemals Nein, zeig bloß keine Schwäche. Und es setzt ihnen ein entschiedenes „STOPP! Seid still!“ entgegen – die Einladung in einen inneren Garten, in dem man ohne Maske und Fassade Ich sein darf und selbst entscheidet, welche Stimme man einlädt. Damit war der Ton für den gesamten Tag gesetzt, noch bevor der erste Fachvortrag begann.
Versorgung von gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen – mentale Herausforderung für professionell Pflegende Silke Ludowisy-Dehl, Pflegedirektorin, Präsidiumsmitglied Deutscher Pflegerat
Den fachlichen Auftakt machte Silke Ludowisy-Dehl mit einer eindrücklichen Zusammenstellung von Zahlen, Daten und Fakten: 1,8 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland, bis 2050 ein Anstieg auf bis zu 2,7 Millionen; in Niedersachsen werden für 2050 rund 230.000 Betroffene erwartet. Sie zeichnete den Belastungsprozess im Pflegealltag nach – vom herausfordernden Verhalten über steigende pflegerische Anforderungen und emotionale Beanspruchung bis zu Erschöpfung und Burnout-Risiko. Ihre zentrale Botschaft: Belastung ist keine persönliche Schwäche, sondern eine normale Reaktion auf hohe Anforderungen. Entlastung entsteht nicht von selbst, sondern braucht verlässliche Strukturen, Qualifizierung und regionale Netzwerke – und die Gesundheit der Mitarbeitenden bestimmt unmittelbar Pflegequalität und Patientensicherheit.
Moralischer Distress und Moralische Verletzungen Prof. Dr. Henrikje Stanze, Hochschule Bremen
Prof. Dr. Henrikje Stanze führte anschließend in zwei Konzepte ein, die erklären, warum klassische Burnout-Prophylaxen bei Gesundheitspersonal oft zu kurz greifen: Moral Distress und Moral Injury. Moralische Not entsteht, wenn Pflegende aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung genau wissen, was richtig wäre – und durch Hierarchien, Vorgaben oder fehlende Ressourcen daran gehindert werden, entsprechend zu handeln. Besonders nachhallend war der Satz, mit dem sie die Erfahrung vieler Pflegender auf den Punkt brachte: Man könne Angehörigen oft nicht sagen „Wir haben alles getan, was wir konnten“, sondern nur, dass man mit den verfügbaren Mitteln sein Bestes gegeben habe – und es nicht genug war. Als Gegengewicht stellte sie Selbstsorge, Sorgegemeinschaften und Ethikbildung als Wege zu moralischer Resilienz vor.
In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen Versorgung und Politik miteinander ins Gespräch. Auf dem Podium saßen Jan Bauer (CDU, MdL), Monika Reimann (Begegnungsstätte Lindenbaum), Alexandra Köchy (ambet e. V.), Kathrin Kroppach (Demenzbegleiterin und Autorin) und Petra Rothe (wir pflegen e.V.). Deutlich wurde dabei, wie sehr fachliche Praxis, Selbsthilfe und politische Rahmensetzung aufeinander angewiesen sind – und wie selten sie in dieser Konstellation an einem Tisch sitzen.
Mittagspause
Bei einem Pasta-Buffet blieb Zeit für Austausch, Vernetzung und ein Durchatmen zwischen den Themenblöcken. Gespräche, die im Arbeitsalltag zwischen zwei Terminen keinen Platz finden, bekamen hier ihren Raum. Mit einem kreativen Impuls von Sabine Ehlers startete der Nachmittag – ein bewusster Perspektivwechsel nach einem inhaltlich dichten Vormittag.
Supervision, kollegiale Fallberatung & Coaching – und was positive Emotionen mit der mentalen Gesundheit zu tun haben Philipp Wüpperling, Trainer, Coach und Lehrcoach der positiven Psychologie
Philipp Wüpperling zeigte, was Coaching leisten kann und was nicht: professionelle Unterstützung, Reflexion, Zielentwicklung – immer abhängig von der Passung zwischen Mensch, Beziehung, Thema und Ziel. Im zweiten Teil stellte er die zehn positiven Emotionen nach Barbara Fredrickson vor, von Freude und Dankbarkeit über Hoffnung und Stolz bis zur Liebe, und machte deutlich, welche Rolle sie für die mentale Gesundheit im Arbeitsalltag spielen.
Mental Health First Aid (MHFA) – Erste Hilfe für psychische Gesundheit als gesellschaftliche Kompetenz Gesa Kannegieter, B.A. Psychische Gesundheit
Gesa Kannegieter stellte das MHFA-Programm vor, das im Jahr 2000 in Australien entstand und seit 2019 über das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim auch in Deutschland angeboten wird. Die Idee: Was für die körperliche Gesundheit selbstverständlich ist – ein Erste-Hilfe-Kurs -, soll es auch für die psychische werden. In zwölf Stunden lernen Laien, psychische Gesundheitsprobleme im eigenen Umfeld frühzeitig zu erkennen und zu handeln, bis professionelle Hilfe verfügbar ist. Ein Ersatz für Diagnostik und Behandlung ist MHFA ausdrücklich nicht.
Pflegepartnerschaften als Ressource für Resilienz: Good Practices aus dem EU-Projekt WELL CARE Petra Rothe, wir pflegen e.V.
Diesen Programmpunkt übernahm Petra Rothe anstelle der ursprünglich angekündigten Dr. phil. Katja Knauthe. Sie stellte den Prototyp einer Qualifizierung zur Begleitung pflegender Angehöriger vor: sieben Module über 26 bis 32 Stunden, verteilt auf neun Wochen. Die vier Grundlagenmodule behandeln Rolle und Haltung, Orientierung im Versorgungssystem, psychische Belastung und Resilienz sowie Gesprächsführung; im Wahlbereich folgen Selbsthilfegruppen und Peer-to-Peer-Begleitung, bevor ein Transfermodul den Übergang in die begleitete Praxis sichert. Leitgedanke: Menschen, die selbst gepflegt haben, mit ihrer Erfahrung stärken – bei klarer Abgrenzung zur professionellen Beratung.
Zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge: Die eigene mentale Gesundheit im Blick Anna Herzberg-Marx, M.Sc. Psychologin und Gesundheitscoach bei Trivention GmbH
Den Abschluss gestaltete Anna Herzberg-Marx – energetisch, rhetorisch stark und mit einem ausgesprochen positiven Schlussakkord. Sie erklärte, wie Stressverstärker funktionieren: jene inneren „Ich muss…“- und „Ich darf nicht…“-Sätze, die den Druck selbst erzeugen und aufrechterhalten – und die am Morgen schon im Gedicht der Begrüßung zu hören gewesen waren. Mit dem Bild einer Waage aus Stressoren und Ressourcen und ganz konkreten Alltagsstrategien – bewusste Ich-Zeiten, Atemübungen, Austausch, der Blick auf das Positive, Rituale und Symbole – gab sie den Teilnehmenden etwas mit, das sich noch am selben Abend umsetzen lässt. Ihre Kernbotschaft: Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sondern die Voraussetzung dafür, für andere da sein zu können.
Um 16:00 Uhr endete das Symposium. Was bleibt, ist ein klares gemeinsames Fazit aus allen Beiträgen: Gute Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen gelingt nur mit Menschen, die selbst gesund bleiben dürfen. Dass Fachkräfte, Angehörige, Selbsthilfe, Wissenschaft und Politik dafür einmal im Jahr an einem Ort zusammenkommen, ist in Niedersachsen nun schon zum 18. Mal gute Tradition gewesen – und ein Bedarf, der mit den steigenden Betroffenenzahlen eher wächst als kleiner wird. Wir freuen uns schon jetzt auf das 19. Niedersächsische Gerontopsychiatrische Symposium.
Am Mittwoch, den 16. September 2026, fand in der Akademie des Sports in Hannover das 18. Niedersächsische Gerontopsychiatrische Symposium statt. Unter dem Titel „Wenn Helfen an die Grenze geht: Mentale Gesundheit in der gerontopsychiatrischen Versorgung“ rückte in diesem Jahr eine Gruppe in den Mittelpunkt, die sonst selten selbst im Fokus steht: die Menschen, die pflegen, begleiten und beraten. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung gemeinsam vom Caritas Forum Demenz und dem ambet Kompetenzzentrum Gerontopsychiatrische Beratung, gefördert durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung und finanziell unterstützt durch den Landesfachbeirat Psychiatrie Niedersachsen.
Moderation: Sabine Ehlers
Durch den Tag führte Sabine Ehlers, Moderatorin und Coachin. Mit großer Präsenz, Selbstbewusstsein und einem guten Gespür für Tempo und Zwischentöne verband sie die Beiträge zu einem roten Faden – und sorgte dafür, dass auch die schweren Themen des Vormittags tragfähig blieben.
Grußwort: Ansgar Piel
Ansgar Piel, Referent im Psychiatriereferat im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, eröffnete die Grußworte und ordnete das Tagungsthema in die psychiatriepolitischen Entwicklungen des Landes ein.
Grußwort: Prof. Dr. Detlef Dietrich
Für den Landesfachbeirat Psychiatrie Niedersachsen sprach Prof. Dr. Detlef Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS Klinikums Hildesheim. Rhetorisch pointiert griff er das Bild aus dem Flugzeug auf: Bei Druckabfall setzt man zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske auf – nicht aus Egoismus, sondern weil nur so überhaupt jemandem geholfen werden kann.
Begrüßung: Melissa Braun und Karoline Adamski
Für die Gerontopsychiatrischen Kompetenzzentren und die Landesfachstellen Demenz in Niedersachsen begrüßte Melissa Braun, Leitung ambet Kompetenzzentrum Gerontopsychiatrische Beratung, die Gäste. Sie führte in das diesjährige Schwerpunktthema ein und machte deutlich, warum die Wahl darauf gefallen war: Wer täglich Menschen mit Demenz, Altersdepression oder Psychosen im Alter begleitet, hält viel aus – oft, ohne dass jemand danach fragt, was das mit den Helfenden selbst macht. Ihr Blick galt zugleich der Zusammenarbeit im Land: Das dichte Netz aus Kompetenzzentren, Landesfachstellen, Beratungsstellen, Selbsthilfe und Angehörigen trägt die gerontopsychiatrische Versorgung in Niedersachsen – und lebt davon, dass die Beteiligten miteinander im Gespräch bleiben. Genau dafür bietet das Symposium seit vielen Jahren den Rahmen. Ein herzlicher Dank ging an das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, an den Landesfachbeirat Psychiatrie und an alle Referentinnen und Referenten des Tages.
Karoline Adamski, Leitung Caritas Forum Demenz, eröffnete den Tag im Anschluss mit ihrem eigenen Gedicht „In meinem Garten“. Es lässt jene inneren Stimmen sprechen, die viele im Saal gut kennen: sei perfekt, halte alle Fäden in der Hand, mach es allen recht, sag niemals Nein, zeig bloß keine Schwäche. Und es setzt ihnen ein entschiedenes „STOPP! Seid still!“ entgegen – die Einladung in einen inneren Garten, in dem man ohne Maske und Fassade Ich sein darf und selbst entscheidet, welche Stimme man einlädt. Damit war der Ton für den gesamten Tag gesetzt, noch bevor der erste Fachvortrag begann.
Versorgung von gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen – mentale Herausforderung für professionell Pflegende
Silke Ludowisy-Dehl, Pflegedirektorin, Präsidiumsmitglied Deutscher Pflegerat
Den fachlichen Auftakt machte Silke Ludowisy-Dehl mit einer eindrücklichen Zusammenstellung von Zahlen, Daten und Fakten: 1,8 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland, bis 2050 ein Anstieg auf bis zu 2,7 Millionen; in Niedersachsen werden für 2050 rund 230.000 Betroffene erwartet. Sie zeichnete den Belastungsprozess im Pflegealltag nach – vom herausfordernden Verhalten über steigende pflegerische Anforderungen und emotionale Beanspruchung bis zu Erschöpfung und Burnout-Risiko. Ihre zentrale Botschaft: Belastung ist keine persönliche Schwäche, sondern eine normale Reaktion auf hohe Anforderungen. Entlastung entsteht nicht von selbst, sondern braucht verlässliche Strukturen, Qualifizierung und regionale Netzwerke – und die Gesundheit der Mitarbeitenden bestimmt unmittelbar Pflegequalität und Patientensicherheit.
Moralischer Distress und Moralische Verletzungen
Prof. Dr. Henrikje Stanze, Hochschule Bremen
Prof. Dr. Henrikje Stanze führte anschließend in zwei Konzepte ein, die erklären, warum klassische Burnout-Prophylaxen bei Gesundheitspersonal oft zu kurz greifen: Moral Distress und Moral Injury. Moralische Not entsteht, wenn Pflegende aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung genau wissen, was richtig wäre – und durch Hierarchien, Vorgaben oder fehlende Ressourcen daran gehindert werden, entsprechend zu handeln. Besonders nachhallend war der Satz, mit dem sie die Erfahrung vieler Pflegender auf den Punkt brachte: Man könne Angehörigen oft nicht sagen „Wir haben alles getan, was wir konnten“, sondern nur, dass man mit den verfügbaren Mitteln sein Bestes gegeben habe – und es nicht genug war. Als Gegengewicht stellte sie Selbstsorge, Sorgegemeinschaften und Ethikbildung als Wege zu moralischer Resilienz vor.
Standpunkte auf dem Podium
In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen Versorgung und Politik miteinander ins Gespräch. Auf dem Podium saßen Jan Bauer (CDU, MdL), Monika Reimann (Begegnungsstätte Lindenbaum), Alexandra Köchy (ambet e. V.), Kathrin Kroppach (Demenzbegleiterin und Autorin) und Petra Rothe (wir pflegen e.V.). Deutlich wurde dabei, wie sehr fachliche Praxis, Selbsthilfe und politische Rahmensetzung aufeinander angewiesen sind – und wie selten sie in dieser Konstellation an einem Tisch sitzen.
Mittagspause
Bei einem Pasta-Buffet blieb Zeit für Austausch, Vernetzung und ein Durchatmen zwischen den Themenblöcken. Gespräche, die im Arbeitsalltag zwischen zwei Terminen keinen Platz finden, bekamen hier ihren Raum. Mit einem kreativen Impuls von Sabine Ehlers startete der Nachmittag – ein bewusster Perspektivwechsel nach einem inhaltlich dichten Vormittag.
Supervision, kollegiale Fallberatung & Coaching – und was positive Emotionen mit der mentalen Gesundheit zu tun haben
Philipp Wüpperling, Trainer, Coach und Lehrcoach der positiven Psychologie
Philipp Wüpperling zeigte, was Coaching leisten kann und was nicht: professionelle Unterstützung, Reflexion, Zielentwicklung – immer abhängig von der Passung zwischen Mensch, Beziehung, Thema und Ziel. Im zweiten Teil stellte er die zehn positiven Emotionen nach Barbara Fredrickson vor, von Freude und Dankbarkeit über Hoffnung und Stolz bis zur Liebe, und machte deutlich, welche Rolle sie für die mentale Gesundheit im Arbeitsalltag spielen.
Mental Health First Aid (MHFA) – Erste Hilfe für psychische Gesundheit als gesellschaftliche Kompetenz
Gesa Kannegieter, B.A. Psychische Gesundheit
Gesa Kannegieter stellte das MHFA-Programm vor, das im Jahr 2000 in Australien entstand und seit 2019 über das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim auch in Deutschland angeboten wird. Die Idee: Was für die körperliche Gesundheit selbstverständlich ist – ein Erste-Hilfe-Kurs -, soll es auch für die psychische werden. In zwölf Stunden lernen Laien, psychische Gesundheitsprobleme im eigenen Umfeld frühzeitig zu erkennen und zu handeln, bis professionelle Hilfe verfügbar ist. Ein Ersatz für Diagnostik und Behandlung ist MHFA ausdrücklich nicht.
Pflegepartnerschaften als Ressource für Resilienz: Good Practices aus dem EU-Projekt WELL CARE
Petra Rothe, wir pflegen e.V.
Diesen Programmpunkt übernahm Petra Rothe anstelle der ursprünglich angekündigten Dr. phil. Katja Knauthe. Sie stellte den Prototyp einer Qualifizierung zur Begleitung pflegender Angehöriger vor: sieben Module über 26 bis 32 Stunden, verteilt auf neun Wochen. Die vier Grundlagenmodule behandeln Rolle und Haltung, Orientierung im Versorgungssystem, psychische Belastung und Resilienz sowie Gesprächsführung; im Wahlbereich folgen Selbsthilfegruppen und Peer-to-Peer-Begleitung, bevor ein Transfermodul den Übergang in die begleitete Praxis sichert. Leitgedanke: Menschen, die selbst gepflegt haben, mit ihrer Erfahrung stärken – bei klarer Abgrenzung zur professionellen Beratung.
Zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge: Die eigene mentale Gesundheit im Blick
Anna Herzberg-Marx, M.Sc. Psychologin und Gesundheitscoach bei Trivention GmbH
Den Abschluss gestaltete Anna Herzberg-Marx – energetisch, rhetorisch stark und mit einem ausgesprochen positiven Schlussakkord. Sie erklärte, wie Stressverstärker funktionieren: jene inneren „Ich muss…“- und „Ich darf nicht…“-Sätze, die den Druck selbst erzeugen und aufrechterhalten – und die am Morgen schon im Gedicht der Begrüßung zu hören gewesen waren. Mit dem Bild einer Waage aus Stressoren und Ressourcen und ganz konkreten Alltagsstrategien – bewusste Ich-Zeiten, Atemübungen, Austausch, der Blick auf das Positive, Rituale und Symbole – gab sie den Teilnehmenden etwas mit, das sich noch am selben Abend umsetzen lässt. Ihre Kernbotschaft: Selbstfürsorge ist nicht egoistisch, sondern die Voraussetzung dafür, für andere da sein zu können.
Um 16:00 Uhr endete das Symposium. Was bleibt, ist ein klares gemeinsames Fazit aus allen Beiträgen: Gute Versorgung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen gelingt nur mit Menschen, die selbst gesund bleiben dürfen. Dass Fachkräfte, Angehörige, Selbsthilfe, Wissenschaft und Politik dafür einmal im Jahr an einem Ort zusammenkommen, ist in Niedersachsen nun schon zum 18. Mal gute Tradition gewesen – und ein Bedarf, der mit den steigenden Betroffenenzahlen eher wächst als kleiner wird. Wir freuen uns schon jetzt auf das 19. Niedersächsische Gerontopsychiatrische Symposium.
Eure Gerontopsychiatrischen Kompetenzzentren & Landesfachstellen Demenz Niedersachsen